© Maikel Das 1997
Shit! No English!

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Die Zeit gleicht einem ewig fließenden Strom, trägt alle ihre Söhne mit sich fort.
Isaac Watts, 90. Psalm

Ströme haben Ufer. Daher müssen wir uns überlegen, was stillsteht, während die Zeit dahin strömt. Und wo sind wir? Am Ufer oder im Wasser?
Richard Matheson, Bid Time Return

Ich habe mich oft gefragt, wie es sein muß, wenn man plötzlich gesagt bekommt, man sei unheilbar an Krebs erkrankt und es bestehe keine Möglichkeit der Operation.

Ich fing an, über mein vergangenes Leben, nachdem man mir gesagt hatte, daß mir nicht mehr viel Zeit bliebe÷ In gewisser Weise gibt es keine interessantere Erfahrung als hin und wieder in vertrauter Gemeinschaft mit "Onkel Thanatos" zu leben. Und manchmal, wenn es mir sehr schlechtging, war er sogar der liebe, alte Onkel Thanatos.

Abgesehen von der Geburt ist der Tod schließlich die einzig universelle Erfahrung, und obwohl jeder vernünftige Mensch hofft, ihn so lange wie möglich aufschieben zu können, ist er sogar in der Vorschau eine interessante Erfahrung.

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Wie stehen die Chancen, daß eine Besserung eintritt?
Mehr als 50%

Bei ungefähr die Hälfte unserer Patienten mit AML (Akute Myeloische Leukämie) bei denen eine Besserung eingetreten war, dauerte dieser Zustand ein Jahr oder länger.
Wieviele sterben vor Ablauf von zwei Jahren?

÷Etwa 95%

Die Zeit ist eine der merkwürdigsten Eigenschaften unseres Universums. Wie alle wissen um sie. In unsere Grammatik gibt es die Zeitformen der Vergangenheit und Zukunft. Wir sprechen von Sekunden, Minuten und Stunden, von gestern und morgen. Aber nur wenige von uns können genau sagen, was Zeit eigentlich ist.

Es gibt zwei Arten von Zeit: Die "subjektive" Zeit, von der die Philosophen reden, wobei es sich um die zeit handelt, wie wir Menschen sie erleben, und die "wissenschaftliche" Zeit, eine Grundeigenschaft des Universums, die weiterläuft, ob es menschen gibt oder nicht.
Peter Nicholls, The Science In Science Fiction

Lohnt sich eine Chemotherapie nur um tatsächlich einen Monat länger herauszuschinden, um dann die Haare zu verlieren oder als Skelett abgemagert auf den Tod zu warten? Wäre es nicht vernünftiger, einfach nach dem Giftfl‚schen zu greifen?

Erst nach diesem Arztbesuch kroch in mir das Gefühl des nahenden Todes empor. Die Einsicht, daß wirklich alles vergänglich ist und das Ende eines im großen und ganzen recht angenehmen Leben bevorstand.

Nie wieder würde ich nach Straßburg fahren und unseren Sohn besuchen können, die Enkel aufwachsen sehen oder mit meiner Frau im Garten Kaffee trinken können.

In dieser Nacht bekam ich kein Auge zu.

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Hallo Papa.
Corinna! Lieb, daß ihr vorbei schaut.

Wie geht es dir heute?
Ach, ganz gut.
    Lügner.
Schöne Grüsse von Sabine. Sie ist mit ihrem Freund über's Wochenende nach Amsterdam gefahren.

Ich muß lernen. Am Mittwoch schreiben wir eine Bioklausur. Abi ist so'ne scheiße.
denk' daran. Du lernst für das spätere Leben.
Ja, ich weiß. Und Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Trotzdem ist Abi scheiße.
Das Leben ist eines der Schwersten.

Morgen kommt Mutti vorbei und bringt dir die Bücher mit. Ich habe das heute nicht mehr geschafft sie abzuholen.
Das macht nichts. Morgen ist auch gut.

Gestern haben sie Herrn Cichowski auf die Intensivstation verlegt. Er hatte einen Herzanfall. Sieht nicht gut aus. Ich glaube nicht, daß er zurück kommt.
Wie schrecklich.

Eigentlich kann ich mich nicht beklagen, auch wenn es nicht immer einfach war. Ich bin seit 48 Jahren glücklich verheiratet, habe zwei gesunde Kinder und drei Enkelkinder. Also, was jammere ich überhaupt herum?

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Nach dem ersten Schock des unmittelbar drohenden Todes setzte eine Art Schutzmechanismus ein. Dies war zum Teil ein vollkommen bewußter Willensakt - die Entscheidung, an die grausame Zukunft nur ein Minimum seiner Gedanken zu verschwenden und nicht mehr.

Ich erinnere mich instinktiv lieber an schöne und lustige Dinge aus meinen Leben. Die Kinder, meine Frau, Freunde, kleine Anekdoten.

Denselben Vorgang habe ich während des Krieges im Kampf erlebt. Da ist der Schock, wenn man begreift, daß der Gegner auf der anderen Seite tatsächlich versucht einen zu töten÷ Aber das ungläubige Staunen ist bald verflogen, und eine Art von innerem Gleichmut tritt an seine Stelle, gepaart mit dem starken, instinktiven Bedürfnis, Schutz zu suchen, damit die Granate, die Kugel oder die Mine einen anderen tötet, nicht einen selbst.

Auf diese Weise wird das Unerträgliche erträglich und man lernt, mit den Tod zu leben, indem man nicht zuviel an ihn denkt.

Alles was dazu benutz wird, die Zeit zu messen, mißt in Wirklichkeit den Raum
Jerome Desusses

Die Zeit besitz keine unabhängige Existenz abseits von der Reihenfolge der Ereignisse, an der wir sie messen.
Albert Einstein

Dennoch wünsche ich mir manchmal, ich hätte damals schon die Erfahrung gehabt, die ich heute besitze. Kaum ist man trocken hinter den Ohren, ist es auch schon vorbei.

Wer weiß, welche bahnen mein Leben eingeschlagen hätte, wenn mein Bruder den Krieg überlebt hätte oder meine Eltern nicht im Osten geblieben wären. Ich denke noch manchmal an sie, aber die Ereignisse liegen schon in so weiter Ferne, daß sie fast surreal wirken.

÷kommen nächste Woche wieder.
Hm? Oh, ja! Schön, daß ihr mich besucht habt.
Vielleicht kommt auch sabine mit. Dann ist sie wieder aus Amsterdam zurück.
Das wäre nett.

÷besonders, wenn ich mir meine eigenen Kinder und Enkel betrachte.

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All das, sowie meine Erfahrungen formten sich zu einer Art Weltbild zusammen, die zur Grundlage meiner neuen Lebensweise wurde.

Was war aus all meiner Wut und Depression geworden, nachdem ich von meiner Krankheit erfahren hatte?

Anscheinend waren die die Kämpfe in mir ausgefochten. Ich hatte das Glück, daß ich großen psychologischen Rückhalt in dieser Lebenskrise von meiner Familie und Freunde erfuhr.

Das sterben hatte meine Sinne geschärft. Ich bin mir meiner Gefühle viel bewußter geworden. Wahrscheinlich ist es nur, daß ich dem geschehen um mich herum mehr Beachtung schenke als bisher.

Geräusche. Ein flüchtiger Blick. Ich sog die Sinneswahrnehmungen förmlich in mich auf. Die Welt schien in vieler Hinsicht schöner geworden zu sein.

Ich stürzte mich wie ein Besessener auf meine Hobbys, grub den Garten um, daß selbst ein Malwurf blaß wurde oder setzte mich mit meinen Aquarellkasten in den Park und pinselte in Rekordzeit ein Bild nach dem anderen.

Dieses Ventil erwies sich als derart effektiv, daß nur sehr selten Verzweiflung und Depression in mir hoch kamen.

Ohne dich wird das Leben so leer werden.
Agnes, ich möchte, daß du noch genauso ein fröhlicher Mensch bleibst, wenn ich nicht mehr da bin.
Sag' das nicht Hans!
Doch! Du brauchst Dir keine Sorgen zu machen. Das leben geht weiter, auch ohne mich.
Du hast noch die Kinder und unsere Freunde.

Wir hatten ein schönes, gemeinsames Leben. Dir bleiben die Erinnerungen von 50 Jahren an mich.
Für mich wirst du immer bei mir sein.
Das weiß ich und dafür liebe ich dich.

Das Raum-Zeit-Kontinuum ist eine vierdimensionale Verschmelzung von Raum und Zeit. Die Zeit ist eine variable und keine absolute Größe. Sie krümmt sich in Bereich großer Massen.
Die Zeit hängt sogar davon ab, ob Raum vorhanden ist. man kann sie sich unmöglich als etwas selbstständiges vorstellen.
Albert Einstein

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Mit dem Verstand habe ich mein Schicksal akzeptiert. Hoffentlich kann ich mir auch den gedanken aneignen, daß der einzelne Mensch nichts weiter als ein Satzzeichen in der großen Enzyklopädie des Lebens ist.

Das Neugeborene erlebt die zeit nicht direkt, sondern muß erst lernen, wie man sie erlebt
Henri Bergson

Die Zeit existiert nur, weil wir gelernt haben, sie zu erleben. Sie hält uns nur deshalb in ihren Bann, weil wir glauben, wir befänden uns in ihrer Falle.
J.B. Priestley

Wir sind alle zum Tode gefordert, und es wird keiner für den anderen sterben, sondern jeder muß in eignet Person geharnischt und gerüstet sein, mit dem Tod zu kämpfen. - Wir können wohl einer den anderen trösten und zu Geduld, Streit und Kampf ermahnen, aber kämpfen und streiten können wir nicht für ihn, sondern es muß ein jeder selbst auf seiner Schanze stehn und sich mit den Feinden, Teufel und Tode messen, allein mit ihm im Kampf liegen.
Martin Luther