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Es dämmerte bereits, als sie in die Kneipe stürmte. Ihr Körper zeichnete sich hart ab, im Gegenlicht des Abendrots.
Ich war angenehm überrascht. Im Supermarkt war ich ihr öfters begegnet. Doch hier sah ich sie zum ersten mal.
Ihr mürrischer Blick funkelte wie zwei smaragdgrüne Augen, blonde haare, groß, vielleicht ende zwanzig oder Anfang dreissig.
Ihr Ausdruck war schwierig zu deuten, Sie wirkte angespannt und abwesend auf mich.
Um ehrlich zu sein, steigerte das meine Neugier nur noch und ich nahm mir Zeit, sie genauer zu beobachten.
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Sie bezahlte ihren Drink und setzte sich auf einen freien Platz an der Theke. Im Hintergrund dudelte ein Hans Albers Klassiker.
Eigentlich ein melodisches Lied, aber in dieser Atmosphäre hörte es sich an, wie das besoffene Gelalle eines Matrosen auf einen gesunkenen Schiff.
Ich zählte die Kippen, die sie eine nach der anderen im billigen Plastikaschenbecher zermalmte. der Anzahl nach hatte sie wirklich nicht ihren besten Tag.
Sie griff nach ihrem Glas (war das schon der dritte Drink?), doch es war nichts mehr übrig.
Suchend sah sie sich um, entdeckte mich und ging entschlossen zu mir hinüber.
Ich fühlte mich ertappt und wusste nicht, ob ich mich freuen oder in panik geraten sollte?
Mein Herz wummerte.
Spendier' mir einen Drink und ich erzähle dir eine Geschichte.
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Ich glaube, ich muß ziemlich dumm geguckt haben. Damit hatte ich wahrlich nicht gerechnet, aber ich tat ihr natürlich den Gefallen.
Wir tauschten einige Belanglosigkeiten aus, als sie schließlich zum eigentlichen Grund ihrer Anwesenheit hier kam.
Sie hatte gerade ihren Mann verlassen und brauchte einen Drink, um ihre Scheidung zu feiern.
Es war die übliche Palette von zerplatzten Träumen und unerfüllten Wünschen.
Ich fühlte mich unbehaglich bei dem Gedanken, daß sie hier so offen über ihr Privatleben plauderte und ich eigentlich nur nicken konnte,
Wie passend dazu der Spruch, den jemand in den Tisch geritzt hatte.
Wenn du nach Antworten suchst, wirst du sie hier nicht finden.
Ich hoffe, ich hatte nicht gegrinst.
Während einer Atempause holte ich meine Autoschlüssel aus der Hosentasche und hielt sie hoch.
Lass' uns gehen.
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Der Geräuschebrei der Kneipe wich dem Straßenlärm. Draussen dröhnte ein Laster vorbei und in der Ferne konnte man das kreischen der U-Bahn hören.
Mann hätte denken können, daß sirenen höhnisch über uns lachen.
Sie hieß Kirsten.
Einige Tage später, traf ich Kirsten im Supermarkt wieder.
Hallo...
Sie lächelte flüchtig, legte die Salami neben die Gin-Flasche... und verschwand.
Ich schob meinen Einkaufswagen zur Kasse und reihte mich in die Schlange
der Bezahlenden.